Verborgene Weisheit - Zum Tod von Dietrich Koller
Es gibt Menschen, deren Bedeutung erschließt sich nur wenigen - oder erst nach ihrem Tod, weil sie meist im Verborgenen blühen. Eine solche Persönlichkeit war Dietrich Koller, Pfarrer und wahrhaft priesterliche Gestalt als Liturg, origineller Prediger und geistlicher Begleiter. Er hat das "Pfarramt" äußerst kritisch gesehen - und es dennoch mit Sorfalt ausgeübt. Lange war er im unterfränkischen Wetzhausen tätig. Dort hat ihn in den frühen 90er Jahren die Priorin der Communität Casteller Ring "entdeckt" und als Spiritual auf den Schwanberg geholt. In nur dreienhalb Jahren trug er dort wesentlich zur Öffnung des Ordenslebens bei.
Theologisch passte er in kein Schema. Er war orthodoxer Lutheraner und Ökumeniker, friedensbewegter Befreiungstheologe und Mystiker, kritischer Exeget und Pastoralpsychologe. Außerdem begnadeter Pianist, Dichter und Maler. In seinen Büchern befasste er sich mit der Transformation der Amstkirche ("Heilige Anarchie") und mit den Folgen der Mammonsanbetung ("Geld oder Leben"). Er schrieb einen wundervollen meditativen Kommentar zum Thomasevangelium. Vor allem aber war er ein Beter, erfüllt von tiefer Jesusliebe und zugleich interreligiös neugierig und dialogfähig.
Die letzten 15 Jahre verbrachte er als Ruheständler in Erfurt. Dort war er maßgeblich an dem Aufbau des Collegiats St. Peter und Paul beteiligt, einer alternativen christlichen Wohnform, und als Begleiter und spiritueller Therapeut, der die Menschenseele kannte wie nur wenige. Er kämpfte gegen das krankmachende Bild eines beleidigten Gottes, der durch Opfer versöhnt werden muss und lud stattdessen ein: "Lasst euch versöhnen mit Gott!" Im Sonntagsblatt unserer Kirche hat er das kurz vor seinem Tod im Rahmen der Jesusserie ("Erkenntnis vor dem Gnadenstuhl", Nr. 46, 14.11.10") senisbel dargelegt.
Das Spirituelle Zentrum St. Martin hat er von Amfang an begleitet und inspiriert. Zur Eröffnung verfertigte er wegweisende Gedanken zum Thema "Stille in der Stadt"; bei unserer großen Enneagrammtagung in Hirschberg mit 100 Teilnehmenden faszinierte er neben Richard Rohr als Hauptreferent die Teilnehmenden und lehrte uns das "indianische Morgengebet". Er führte uns in einem hinreißenden Seminar in das Buch "Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre" von Martin Buber ein, begleitet von improvisierten Sketchen, bei denen wir die chassidischen Geschichten nachspielten. Beim "enneagrammatischen Totentanz" schlüpfte er in die grässliche Maske des Todes, der jede Typengruppe zum Tanz bat. In einer Art "Lehrhaus" stellte er uns sein Buch zum Thomasevangelium vor. Allen, die diese Seminare miterlebt haben, werden sie unvergesslich bleiben.
Dietrich Koller hinterlässt seine Frau Lucia und fünf erwachsene Kinder, daneben Unzählige, die einen großen geistlichen Lehrer, Freund und Begleiter verloren haben. Die Beisetzung findet am Freitag, 26. November, um 12 Uhr in Wetzhausen statt.
Andreas Ebert