Predigt vom Maike Schmauß zum Sonntag Rogate
Unser Vereinsmitglied Maike Schmauß feierte am 29.05.11 (Sonntag Rogate) als Prädikantin den Gottesdienst von St. Lukas in St. Martin auf besondere Weise mit einer Predigt, die Sie hier nachlesen können (oder als PDF herunterladen):
Predigt von Prädikantin Maike Schmauß
zum Sonntag Rogate am 29.05.11 in St. Martin
Lk 11, 5-13
„Herr, lehre uns beten“, sagen die Jünger, nachdem sie Jesus beim Gebet gesehen hatten. Das, was sie da erlebt haben, möchten sie auch erfahren. Jesus hat sie nicht nur das Gebet gelehrt, das wir bis zum heutigen Tage sprechen, das Vaterunser, er hat ihnen danach auch eine Predigt gehalten über das Beten. Diese Predigt Jesu wollen wir uns heute, am Sonntag Rogate, anhören. Und ich möchte nicht predigen über die Predigt Jesu, vielmehr möchte ich Sie dazu anregen, seine Worte selbst zu meditieren und hineinzuholen in Ihr Leben. Deswegen werde ich mehr Fragen stellen als Antworten formulieren, mehr Impulse geben als Aussagen machen und Pausen lassen zum Nachdenken, Nachspüren …
Jesus beginnt seine Predigt damit, dass er zunächst eine kleine fiktive Geschichte erzählt:
Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. (Lukas 11, 5-8)
Würden wir die Geschichte wörtlich so nehmen, wie sie da steht, als reales Ereignis, könnten wir eine Menge Einwände erheben: Wieso hat sich der Freund, der auf Reisen ist, nicht angemeldet? Kann er erwarten, so unvorhergesehen aufgenommen und bewirtet zu werden? Würde ich mitten in der Nacht alles in Bewegung setzen, um gastfreundlich zu sein? Würde ich mitten in der Nacht eine ganze Familie wecken, wenn es sich nicht um einen ganz schlimmen Notfall handelt? Ist diese Zudringlichkeit – dieses „unverschämte Drängen“, wie Luther übersetzt – angebracht, nur weil ich um Mitternacht Brot für einen Überraschungsgast brauche?
Versuchen wir also, diese Geschichte nicht wörtlich, sondern als „Bild“-Geschichte zu lesen und die Bilder zu „übersetzen“. Es ist eine Bildgeschichte für unsere Gottesbeziehung und für unser Gebetsleben, das ja wichtiger und unverzichtbarer Teil dieser Beziehung ist. Ich werde Ihnen einige Ausdrücke / Bilder aus der Geschichte nennen, ein paar kurze gedankliche Impulse dazu geben, Ihnen aber jeweils Zeit lassen zum Nachdenken, Zeit, sich zu fragen: Wie könnte ich diese Begriffe entschlüsseln? Was könnten sie bedeuten in Bezug auf meine Gottesbeziehung und mein Gebetsleben?
Freund …
Freundschaft ist Beziehung, eine gute Beziehung. Freunde haben eine Geschichte miteinander, sie haben eine gemeinsame Basis, es herrscht zwischen ihnen eine Atmosphäre des Vertrauens, des Wohlwollens. Aber es ist wichtig, diese freundschaftliche Beziehung zu pflegen.
Ich frage mich: Was für eine Freundschaftsgeschichte habe ich mit Gott? Welche Möglichkeiten habe ich / nehme ich wahr, um meine Freundschaft mit Gott, meine Beziehung zu ihm zu pflegen?
um Mitternacht …
Ich komme mit meinen Bitten mitten in der „Nacht“, mitten im Dunkel meiner Angst / Verzweiflung / Einsamkeit / meiner Not / meiner Schuld. Manchmal komme ich vielleicht erst in letzter Minute: es ist „kurz vor zwölf“! Ich darf auch zur Unzeit kommen.
Ich frage mich: Wo erlebe ich dieses „um Mitternacht“? Welche Rolle spielt Gott bei mir „mitten in der Nacht“?
auf der Reise …
Auf Reisen sein, d. h. unbehaust sein, unbeheimatet, in der Fremde auf der Suche sein. Es kann auch heißen: Er-fahrungen sammeln, Neues er-fahren, sich er-fahren, Gott er-fahren.
Ich frage mich: Wann / wo erlebe ich mich als einen Menschen, der „auf der Reise“ ist? Mit welchen Gefühlen ist das für mich verbunden? Weiß ich, dass ich auf meiner Reise einkehren kann bei Gott? Halt machen, ausruhen kann? Wie sieht für mich eine solche Einkehr aus?
drei Brote …
Ich denke an Brot des Lebens, das Lebensnot-wendige, alles, was wir zum Leben brauchen. Darum bitte ich, wenn ich im Vaterunser spreche „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Drei Brote: Das ist Nahrung für Körper, Geist und Seele.
Ich frage mich: Was nährt mich? Wo / wie / bei wem bekomme ich die notwendige Nahrung für Körper, Geist und Seele? Sorge ich genügend dafür, dass es d r e i Brote sind?
Ich habe nichts, was ich ihm geben kann
Ich kann nicht geben / helfen, wenn ich selbst nichts habe. Aber ich kann mich auf den Weg machen, für den anderen zu bitten. Ich werde erfinderisch in der Kreativität der Liebe statt zu resignieren.
Ich frage mich: Welchen Menschen würde ich gerne helfen, sehe aber keine Möglichkeit, es zu tun? Wo habe ich das Gefühl, nichts geben, nichts tun, nichts ändern zu können? Welche Rolle spielt die Fürbitte in meinem Gebetsleben?
Er wird aufstehen …
Wer mitten im Dunkel zu Gott ruft, kann darauf hoffen, „drei Brote“ zu bekommen. Vielleicht dauert es eine Zeit, vielleicht bedarf es meines „unverschämten Drängens“. Aber „Gott wird aufstehen“.
Ich stelle mir einen Augenblick vor, wie ich unterwegs bin, auf der Suche, wie es Nacht ist und ich mich sehne nach Geborgenheit, Nähe, nach Antworten und Trost, nach Brot. Und ich stelle mir vor: Gott steht auf, steht auf für mich.
Er wird aufstehen – Diese Zuversicht will Jesus uns schenken.
Doch nach seiner Geschichte geht seine Predigt noch weiter, zunächst, indem er noch einmal erklärt, was er mit dieser Geschichte sagen wollte, ja, noch zwei weitere sehr anschauliche Beispiele für seine Botschaft bringt:
Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet, und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? (Lukas 11, 9-12)
Doch am Schluss nimmt seine Predigt eine überraschende Wendung:
Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten? (Lukas 11, 13)
Die überraschende Wendung finde ich in dem Versprechen: Er wird ihnen den heiligen Geist geben. Das heißt: Gott ist nicht einfach ein Wunscherfüller. Wissen wir denn, ob das, was wir uns wünschen, wirklich gut für uns ist? Um es in den Bildern zu sagen, die Jesus benützt: Es kann sein, dass das, was ich für einen Fisch halte, eine Schlange ist, oder dass das vermeintliche Ei, das ich erbitte, ein giftiger Skorpion ist. Das ist mit der Grund, warum wir bei unseren Fürbittgebeten in der Martinsmesse keine konkreten Wünsche aussprechen, sondern nur die Namen der Menschen nennen, für die wir beten wollen. Gott weiß besser als wir, was sie brauchen, was gut für sie ist. Er gibt Brot, er gibt Leben, er gibt den Geist, der tröstet und heilt. Amen.
Predigt von Prädikantin Maike Schmauß
zum Sonntag Rogate am 29.05.11 in St. Martin
Lk 11, 5-13
„Herr, lehre uns beten“, sagen die Jünger, nachdem sie Jesus beim Gebet gesehen hatten. Das, was sie da erlebt haben, möchten sie auch erfahren. Jesus hat sie nicht nur das Gebet gelehrt, das wir bis zum heutigen Tage sprechen, das Vaterunser, er hat ihnen danach auch eine Predigt gehalten über das Beten. Diese Predigt Jesu wollen wir uns heute, am Sonntag Rogate, anhören. Und ich möchte nicht predigen über die Predigt Jesu, vielmehr möchte ich Sie dazu anregen, seine Worte selbst zu meditieren und hineinzuholen in Ihr Leben. Deswegen werde ich mehr Fragen stellen als Antworten formulieren, mehr Impulse geben als Aussagen machen und Pausen lassen zum Nachdenken, Nachspüren …
Jesus beginnt seine Predigt damit, dass er zunächst eine kleine fiktive Geschichte erzählt:
Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. (Lukas 11, 5-8)
Würden wir die Geschichte wörtlich so nehmen, wie sie da steht, als reales Ereignis, könnten wir eine Menge Einwände erheben: Wieso hat sich der Freund, der auf Reisen ist, nicht angemeldet? Kann er erwarten, so unvorhergesehen aufgenommen und bewirtet zu werden? Würde ich mitten in der Nacht alles in Bewegung setzen, um gastfreundlich zu sein? Würde ich mitten in der Nacht eine ganze Familie wecken, wenn es sich nicht um einen ganz schlimmen Notfall handelt? Ist diese Zudringlichkeit – dieses „unverschämte Drängen“, wie Luther übersetzt – angebracht, nur weil ich um Mitternacht Brot für einen Überraschungsgast brauche?
Versuchen wir also, diese Geschichte nicht wörtlich, sondern als „Bild“-Geschichte zu lesen und die Bilder zu „übersetzen“. Es ist eine Bildgeschichte für unsere Gottesbeziehung und für unser Gebetsleben, das ja wichtiger und unverzichtbarer Teil dieser Beziehung ist. Ich werde Ihnen einige Ausdrücke / Bilder aus der Geschichte nennen, ein paar kurze gedankliche Impulse dazu geben, Ihnen aber jeweils Zeit lassen zum Nachdenken, Zeit, sich zu fragen: Wie könnte ich diese Begriffe entschlüsseln? Was könnten sie bedeuten in Bezug auf meine Gottesbeziehung und mein Gebetsleben?
Freund …
Freundschaft ist Beziehung, eine gute Beziehung. Freunde haben eine Geschichte miteinander, sie haben eine gemeinsame Basis, es herrscht zwischen ihnen eine Atmosphäre des Vertrauens, des Wohlwollens. Aber es ist wichtig, diese freundschaftliche Beziehung zu pflegen.
Ich frage mich: Was für eine Freundschaftsgeschichte habe ich mit Gott? Welche Möglichkeiten habe ich / nehme ich wahr, um meine Freundschaft mit Gott, meine Beziehung zu ihm zu pflegen?
um Mitternacht …
Ich komme mit meinen Bitten mitten in der „Nacht“, mitten im Dunkel meiner Angst / Verzweiflung / Einsamkeit / meiner Not / meiner Schuld. Manchmal komme ich vielleicht erst in letzter Minute: es ist „kurz vor zwölf“! Ich darf auch zur Unzeit kommen.
Ich frage mich: Wo erlebe ich dieses „um Mitternacht“? Welche Rolle spielt Gott bei mir „mitten in der Nacht“?
auf der Reise …
Auf Reisen sein, d. h. unbehaust sein, unbeheimatet, in der Fremde auf der Suche sein. Es kann auch heißen: Er-fahrungen sammeln, Neues er-fahren, sich er-fahren, Gott er-fahren.
Ich frage mich: Wann / wo erlebe ich mich als einen Menschen, der „auf der Reise“ ist? Mit welchen Gefühlen ist das für mich verbunden? Weiß ich, dass ich auf meiner Reise einkehren kann bei Gott? Halt machen, ausruhen kann? Wie sieht für mich eine solche Einkehr aus?
drei Brote …
Ich denke an Brot des Lebens, das Lebensnot-wendige, alles, was wir zum Leben brauchen. Darum bitte ich, wenn ich im Vaterunser spreche „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Drei Brote: Das ist Nahrung für Körper, Geist und Seele.
Ich frage mich: Was nährt mich? Wo / wie / bei wem bekomme ich die notwendige Nahrung für Körper, Geist und Seele? Sorge ich genügend dafür, dass es d r e i Brote sind?
Ich habe nichts, was ich ihm geben kann
Ich kann nicht geben / helfen, wenn ich selbst nichts habe. Aber ich kann mich auf den Weg machen, für den anderen zu bitten. Ich werde erfinderisch in der Kreativität der Liebe statt zu resignieren.
Ich frage mich: Welchen Menschen würde ich gerne helfen, sehe aber keine Möglichkeit, es zu tun? Wo habe ich das Gefühl, nichts geben, nichts tun, nichts ändern zu können? Welche Rolle spielt die Fürbitte in meinem Gebetsleben?
Er wird aufstehen …
Wer mitten im Dunkel zu Gott ruft, kann darauf hoffen, „drei Brote“ zu bekommen. Vielleicht dauert es eine Zeit, vielleicht bedarf es meines „unverschämten Drängens“. Aber „Gott wird aufstehen“.
Ich stelle mir einen Augenblick vor, wie ich unterwegs bin, auf der Suche, wie es Nacht ist und ich mich sehne nach Geborgenheit, Nähe, nach Antworten und Trost, nach Brot. Und ich stelle mir vor: Gott steht auf, steht auf für mich.
Er wird aufstehen – Diese Zuversicht will Jesus uns schenken.
Doch nach seiner Geschichte geht seine Predigt noch weiter, zunächst, indem er noch einmal erklärt, was er mit dieser Geschichte sagen wollte, ja, noch zwei weitere sehr anschauliche Beispiele für seine Botschaft bringt:
Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet, und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? (Lukas 11, 9-12)
Doch am Schluss nimmt seine Predigt eine überraschende Wendung:
Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten? (Lukas 11, 13)
Die überraschende Wendung finde ich in dem Versprechen: Er wird ihnen den heiligen Geist geben. Das heißt: Gott ist nicht einfach ein Wunscherfüller. Wissen wir denn, ob das, was wir uns wünschen, wirklich gut für uns ist? Um es in den Bildern zu sagen, die Jesus benützt: Es kann sein, dass das, was ich für einen Fisch halte, eine Schlange ist, oder dass das vermeintliche Ei, das ich erbitte, ein giftiger Skorpion ist. Das ist mit der Grund, warum wir bei unseren Fürbittgebeten in der Martinsmesse keine konkreten Wünsche aussprechen, sondern nur die Namen der Menschen nennen, für die wir beten wollen. Gott weiß besser als wir, was sie brauchen, was gut für sie ist. Er gibt Brot, er gibt Leben, er gibt den Geist, der tröstet und heilt. Amen.