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Brunner: Gemeindemitglieder beten für Täter

Mittwoch, den 08. September 2010 um 19:00 Uhr | Geschrieben von: Monika Goetsch (evangelisch.de) |

Als der Richter die Urteile im Pro­zess um den Tod von Dominik Brunner ver­kün­de­tete, beteten in einer Münchner Kirche Pfarrer Andreas Ebert und Gemein­de­mit­glieder für die gerade ver­ur­teilten Jugend­li­chen.

Von Monika Goetsch (ver­öf­fent­licht auf evan­ge­lisch.de am 06.09.2010)

Noch am Morgen der Urteils­ver­kün­dung im Fall Dominik Brunner haben sie für die Täter gebetet. Im Land­ge­richt Mün­chen schickte Richter Rein­hold Baier die Ange­klagten für sieben und zehn Jahre in Jugend­haft, in der kleinen Hin­ter­hof­kirche St. Martin im Münchner Glo­cken­bach­viertel saßen Gemein­de­mit­glieder bei­sammen und baten Gott um Bei­stand. Sie haben das wäh­rend des gesamten Pro­zesses getan, Woche für Woche.

Ihr beson­deres Enga­ge­ment hat einen Grund: Einer der Täter, Sebas­tian L., wurde vor vier Jahren in St. Martin kon­fir­miert. Die "Bild"-Zei­tung lud sich kurz nach seiner Ver­haf­tung das Kon­fir­ma­ti­ons­grup­pen­foto von der Home­page der Gemeinde und druckte das Bild von Sebas­tian ab, ohne Balken. Der Ärger seines Pfar­rers, Andreas Ebert, auf die Medien nahm hier seinen Anfang. Im Ver­lauf des Pro­zesses hat Ebert noch viel­fach Zorn ver­spürt: Auf die Schwarz-Weiß-Malerei in der Gesell­schaft, die zwei "Mons­tern" einen "Helden" ent­gegen setzte. Darauf, dass Brunner von der Politik das Bun­des­ver­dienst­kreuz erhielt, noch bevor der Pro­zess begann. Und darauf, dass Jour­na­listen, die all­mäh­lich dif­fe­ren­zierter über das Geschehen auf dem Bahnhof Solln zu berichten begannen, als "Schmutz­jour­na­listen" abge­kan­zelt werden.

Für den enga­gierten Geist­li­chen geht bis heute ent­gegen der Hal­tung des Rich­ters "der Schritt zur Eska­la­tion von der psy­chi­schen zur phy­si­schen Gewalt von Dominik Brunner aus". Seiner Ansicht nach hätten die Jugend­li­chen Brunner kein Haar gekrümmt, wäre der nicht mit den Fäusten gegen sie ange­treten. Er nennt das strenge Urteil Baiers darum "nicht fair".

Pfarrer besucht Fami­lien der Kon­fir­manden

Wie alle Kon­fir­manden hat sich Sebas­tian damals seinen Spruch selbst aus­ge­sucht. Seine Wahl fiel auf fol­genden Satz: "Den­noch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich bei deiner rechten Hand." Pfarrer Ebert trifft das heute "ins Mark". Inzwi­schen besucht Ebert die Familie jedes ein­zelnen Kon­fir­manden zu Hause, um auch die Fami­lien kennen zu lernen und die Ver­hält­nisse, in denen einer auf­wächst. Für­sorg­lich nimmt sich die Gemeinde seit seiner Ver­haf­tung ihres ehe­ma­ligen Schütz­lings an.

Eli­sa­beth Groß, 84, fährt regel­mäßig vom Stadt­teil Groß­hes­se­lohe in die Innen­stadt, um an den gemein­samen Gebeten teil­zu­nehmen. Die Katho­likin hat früher als Sozi­al­ar­bei­terin gear­beitet. "Ich weiß, auf welche Weise Men­schen in solche Lauf­bahnen geraten können. Die Gesell­schaft ist da viel zu schnell mit ihrem Urteil." Sei jemand in Not wie Sebas­tian L., müsse er "auf die Soli­da­rität der Gemeinde oder des engeren Kreises zählen können." Für Groß gehört das zur Arbeit in ihrer spi­ri­tu­ellen Heimat St. Martin ganz selbst­ver­ständ­lich dazu. "Es ist eine Hilfe für Sebas­tian, zu wissen, dass Men­schen hinter ihm stehen."

Auch die Mutter eines Kon­fir­man­den­freundes von Sebas­tian ist unter den Betenden, Andrea Schuster, die eigent­lich anders heißt, aber anonym bleiben will, weil sie im auf­ge­heizten Klima um den Tod Brun­ners für sich und ihre Kinder böse Reak­tionen fürchtet. "Mir hat der Sebas­tian, als ich von der Tat erfuhr, so leid getan", sagt Schuster, "er kam mir hilflos und mut­terlos vor. Ich dachte, mein Gott, der Junge war in unserer Gemeinde, wir haben ihn auf den Weg geschickt." Berüh­rend fand sie damals die Ver­ab­schie­dung der Kon­fir­manden, die Worte, die Pfarrer Ebert fand über Irrungen und Wir­rungen auf dem Weg durchs Leben. Jetzt, wo einer der Kon­fir­manden an diesen Wir­rungen gestrau­chelt ist, ist das für sie "eine Kata­strophe". "Wir hätten damals mehr tun sollen", sagt sie.

"Wer so etwas tut, ist selbst am Boden"

Seit Sebas­tian in Unter­su­chungs­haft sitzt, ver­sucht sie, sich mit Briefen und Besu­chen um ihn und seine Mutter zu küm­mern. "Ich habe zu meinem Freund gesagt: Wenn wir das beginnen, ist es eine Lebens­auf­gabe. Er hat zuge­stimmt." Wo Sebas­tian L. wohnen wird nach den sieben Jahren im Straf­vollzug, wel­chen Job er bekommt, bei all dem will Andrea Schuster behilf­lich sein - sofern Sebas­tian das möchte. "Wenn er aus dem Gefängnis kommt, geht die Arbeit doch erst richtig los. Ganz schnell landet ein Ein­samer wieder da, wo die anderen Ein­samen und kaputten Seelen sind."

Dabei sei Sebas­tian für sie kein Schlä­gertyp, nie­mand, der von Grund auf aggressiv auf­tritt. Sie wünscht ihm einen Schul­ab­schluss, eine Lehre, Selbst­be­wusst­sein durch Leis­tung. Würde sie ihm das auch wün­schen, wenn er, nicht Markus, die bru­talen Tritte gegen Dominik Brun­ners Kopf gesetzt hätte, als der schon reglos am Boden lag? "Aber ja, das zer­bricht einem doch das Herz. Wenn einer so was tut, ist er selbst am Boden." Im Augen­blick, so Schuster, wehrten sich die beiden Jugend­li­chen noch in erster Linie dagegen, Monster zu sein. "Aber irgend­wann müssen sie sich auch damit aus­ein­an­der­setzen, dass durch sie ein Mensch zu Tode gekommen ist." Sie ist über­zeugt: "Das trau­ma­ti­siert."

Ver­gan­genes Jahr hat Sebas­tian im Gefängnis eine Krippe gesägt. Die Gemeinde hat sie Sebas­tian abge­kauft. In den Weih­nachts­tagen saßen die Gläu­bigen von St. Martin um diese Krippe herum und beteten. Auch diesen Winter werden sie die Krippe wieder her­vor­holen. Und wei­ter­beten für zwei junge Täter, die einen schweren Weg vor sich haben.

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