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Rezension zum Buch "Gott 9.0: Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird"

Freitag, den 29. Oktober 2010 um 21:09 Uhr | Geschrieben von: Andreas Ebert |

Andreas Ebert hat zum neuen Buch "Gott 9.0: Wohin unsere Gesell­schaft spi­ri­tuell wachsen wird" von Marion und Werner Tiki Küs­ten­ma­cher und Til­mann Haberer für das Evan­ge­li­sche Sonn­tags­blatt eine Rezen­sion geschrieben:

Wachstum heißt Wandel - Wie sich Indi­vi­duen und Gesell­schaften spi­ri­tuell ent­wi­ckeln

gott90Leben heißt wachsen und reifen. Die Päd­agogik hat das längst erkannt und immer wieder Modelle ent­wi­ckelt, in wel­cher Alter­s­stufe welche Lern- und Rei­fungs­pro­zesse "dran" sind.

Dass es auch in der Glau­bens­ent­wick­lung unter­scheid­bare Phasen gibt, wird schon in der Bibel ange­deutet. Paulus sagt: "Als ich ein Kind war, dachte, redete und urteilte ich wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, ließ ich das Kind­liche hinter mir". Oder er beklagt sich dar­über, dass seine Gemeinde immer nur "Milch" will und keine "feste Speise", dass sie also gleichsam auf einer früh­kind­li­chen Glau­bens­stufe ver­weilt und sich wei­gert, spi­ri­tuell weiter zu wachsen.

Auch Jesus hat eine atem­be­rau­bende Vision, wohin sich eine gereifte Spi­ri­tua­lität ent­wi­ckeln wird: Als ihn die Sama­ri­ta­nerin am Jakobs­brunnen von Sychar fragt, wo man denn Gott "richtig" anbete, im Tempel von Jeru­salem (wie die Juden) oder auf den Bergen Sama­riens (wie die Sama­ri­taner), ant­wortet er: "Es kommt die Zeit - und sie ist schon ange­bro­chen! - da werdet ihr Gott weder im Tempel noch auf den Bergen anbeten, son­dern im Geist und in der Wahr­heit!“ Jesus ver­heißt eine Form der Anbe­tung Gottes ohne ver­bind­liche Kul­torte, die sich im Inneren des Men­schen, in seinem Geist und Bewusst­sein ereignet! Das ist nicht weniger als das Ende klas­si­scher reli­gi­öser Insti­tu­tionen und Rituale.

Ähn­lich haben es immer wieder die Mys­ti­ke­rinnen und Mys­tiker for­mu­liert. So schil­dert die spa­ni­sche Mys­ti­kerin Teresa von Avila in ihrem Buch "Die innere Burg" den Glau­bensweg des Men­schen als Durch­schreiten von sieben sehr prä­zise dar­ge­stellter "Woh­nungen", denen sieben Sta­tionen geist­li­chen Wachs­tums ent­spre­chen. Teresas Schüler Johannes vom Kreuz betont bei seiner Schil­de­rung des Glau­bens­wegs jene Phasen, in denen Gott dem Gefühl und dem Bewusst­sein abhanden kommt, Zeiten der Got­tes­fins­ternis (Nacht der Seele, Nacht des Geistes), die sich wie der Ver­lust des Glau­bens anfühlen. In Wirk­lich­keit han­delt es sich um not­wen­dige Ablö­sungs- und Durch­gangs­phasen zu einem ver­tieften Got­tes­be­wusst­sein. Lassen sich solche Wachs­tums­phasen tat­säch­lich exakt beschreiben?

Gott 9.0 - eine spek­ta­ku­läre Ent­de­ckung

Schon in den 50er Jahren hat der ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­loge Clare Graves Stu­denten in aller Welt befragt und dabei ent­deckt, dass sich ihre Wer­te­sys­teme unab­hängig vom kul­tu­rellen Hin­ter­grund in typi­sche Gruppen ordnen lassen, die auf­ein­ander auf­bauen. Er sprach in diesem Zusam­men­hang von "Levels", was sich - etwas ungenau - mit Stufen über­setzen lässt. Er fand dabei heraus, dass sich auch die reli­gi­ösen Vor­stel­lungen mit jeder Bewusst­seinsebene wan­deln und dass dieser Wandel einem vor­her­sag­baren Schema folgt. Diese Ebenen oder Stufen bauen ähn­lich auf­ein­ander auf, wie die "Updates" von Com­pu­ter­pro­grammen. Die "ver­bes­serte" Ver­sion ent­hält alles, was die vor­he­rige Ver­sion auch zu leisten ver­mochte, führt das Pro­gramm aber einen Schritt weiter. Das "Update" kann frü­here Ver­sionen noch immer ein­lesen. Umge­kehrt aber kann es geschehen, dass ein ver­al­tetes Pro­gramm neue Texte und Ein­gaben nicht dar­stellen kann.

50 Jahre nach den Ent­de­ckungen von Graves haben die deut­schen Theo­logen Marion und Werner Küs­ten­ma­cher und Til­mann Haberer erst­mals ver­sucht, dieses Ebe­nen­mo­dell auf Gesell­schaft, Got­tes­bilder, Bibel, Kirche und geist­liche Ent­wick­lung anzu­wenden. Um es vor­weg­zu­nehmen: Das Ergebnis ist "Gott 9.0", ein so span­nendes Buch, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr gelesen habe.

Die Autoren bauen auf einem Schema auf, das Don Beck und Chri­sto­pher Cowan, Schüler von Clare Graves, ent­wi­ckelt haben. Sie haben den vom Graves beschrie­benen Bewusst­seins­stufen Farben zuge­ordnet. Die neun Ent­wick­lungs­ebenen gelten für Gruppen und Gesell­schaften ebenso wie für Indi­vi­duen. Men­schen, deren Bewusst­sein schon einen Schritt weiter sind als das der herr­schenden Gesell­schaft, werden oft nicht ver­standen und ver­folgt. Den­noch sind sie es, die die Ent­wick­lung vor­an­treiben. Martin Luthers refor­ma­to­ri­sche Ein­sicht bei­spiels­weise mar­kiert den Bewusst­seinss­prung von einem geschlos­senen hier­ar­chi­schen reli­gi­ösen System, das das Heil ver­mit­telt ("blaue Stufe", Gott 4.0) zu einem per­sön­lich ver­ant­wor­teten Gewis­sens­glauben des Ein­zelnen, der unmit­telbar vor Gott steht ("orange Stufe", Gott 5.0). Jede neue Stufe mar­kiert ferner eine Art Pen­del­schlag: Stufen der Gemein­schaft (das katho­li­sche Mit­tel­alter, blau) und Stufen, bei denen der Ein­zelne im Mit­tel­punkt steht (wie Luther, gelb) wech­seln sich ab. Der kol­lek­ti­vis­ti­schen katho­li­schen Kirche des Mit­tel­al­ters folgt der "indi­vi­dua­lis­ti­sche" Pro­tes­tan­tismus, der inso­fern tat­säch­lich einen "Fort­schritt" dar­stellt.

Die (bisher) 9 Ent­wick­lungs­ebenen, die Indi­vi­duen und Gesell­schaften durch­laufen, bauen sich fol­gen­der­maßen auf:

Stufe 1.0, Beige, Indi­vi­duum, Exis­tieren: Das nackte krea­tür­liche Über­leben eines Men­schen oder einer Gruppe am Anfang (und oft am Ende) des Daseins. Die älteste Mensch­heits­kultur vor 100 000 Jahren. Gott hat noch keine Gestalt und keinen Namen. Wenn es etwas "Gött­li­ches" gibt, dann ist es die näh­rende Mut­ter­brust. Der Säug­ling (und der Greis).

Stufe 2.0, Purpur, Kol­lektiv, Sicher­heit. Purpur ist die magi­sche Stufe. Thema ist die Zuge­hö­rig­keit zur Gruppe, böse Mächte müssen abge­wehrt, gute Geister beschworen werden. Mär­chen­alter in der Kind­heit, Scha­ma­nismus, Ahnen­kult, Stam­mes­götter (Abraham), die nur für den eigenen Clan zuständig sind.

Stufe 3.0, Rot, Indi­vi­duum, Macht. Aus­bruch aus dem Clan, Erobe­rung, Aggres­sion, Selbst­be­haup­tung. Wer ist stärker? Bio­gra­phisch das Trotz­alter. Reli­giös: Macht­götter und Macht­kampf der Götter, Jahwe als Kriegs­gott, der sich als stärker erweist als die anderen Götter.

Stufe 4.0, Blau, Kol­lektiv, Ord­nung: Moral, Regeln, Gewissen, hierar­schi­sche Struktur (oben und unten), Sün­den­be­wusst­sein und Aus­gren­zung der Sünder, Könige, Beamte, Priester. Der eine und all­mäch­tige Gott, der Richter. Dua­lis­ti­sches Welt­bild: "drinnen" und "draußen".

Stufe 5.0, Orange, Ind­vi­duum, Frei­heit: Ich-Bewusst­heit, Ver­nunft, Technik, Effi­zienz, Auf­klä­rung. Gott geht ent­weder ver­loren (Athe­ismus) oder wird zum per­sön­li­chen Gott (Pie­tismus), Refor­ma­tion, Ratio­na­lismus, Erfolgs­streben.

Stufe 6.0, Grün, Kol­lektiv, Gleich­heit: Kon­sens, Inte­gra­tion, Sen­si­bi­lität, Gewalt­lo­sig­keit, Teams, The­ra­peuten, men­schen­freund­li­cher und müt­ter­li­cher Gott, der nicht ver­ur­teilt, Gott auch außer­halb der eigenen Reli­gion. Abschaf­fung von Skla­verei. Femi­nismus, Ras­sen­gleich­heit, Natur­schutz.

Stufe 7.0, Gelb, Indi­vi­duum, Zusam­men­schau: Ver­ei­ni­gung von Gegen­sätze, Para­doxes und Kom­ple­men­täres aus­halten (Jesus ist Mensch UND Gott), Intui­tion, ver­netztes (sys­te­mi­sches) Denken, Eigen­ver­ant­wor­tung.

Stufe 8.0, Türkis, Kol­lektiv, Uni­ver­sa­lität: Alles ist mit allem ver­bunden, Weltethos, global agie­rende Gemein­schaften, Gott als Pro­zess und Poet der Welt, Har­monie.

Stufe 9.0, Koralle, Indi­vi­duum: Noch nicht beschreibbar, Gott als "Wer­den­können".

Diese Stufen durch­läuft kein Mensch und keine Gesell­schaft linear. Im Gegen­teil: In bestimmten Lebens­si­tua­tionen, ins­be­son­dere in Krisen, greifen wir auf Stufen (und z. B. Got­tes­bilder und Gebets­formen) zurück, die "eigent­lich" schon über­wunden sind. Frü­here Stufen werden beim Rei­fungs­pro­zess nicht ein­fach auf­ge­hoben; sie müssen inte­griert werden. Jeder Mensch hat alle frü­heren Stufen in sich, denn jede Stufe hat ihren eigenen Wert und ihre eigene blei­bende Bedeu­tung. Ein gereifter Mensch erweist sich auch darin, dass er auf frü­here Ent­wick­lungs­ebenen nicht ver­ächt­lich her­ab­schaut, son­dern sie wür­digt. Dazu kommt, dass wir in ver­schie­denen Lebens­be­rei­chen fast immer unter­schied­lich weit ent­wi­ckelt sind. Es gibt zum Bei­spiel Mönche auf dem Berg Athos, die außer­ge­wöhn­liche Erleuch­tungs­er­leb­nisse haben, aber frauen- und kör­per­feind­lich sind und alle Nicht-Ortho­doxen ver­teu­feln. Die geis­tige Ent­wick­lung kann trotz erstaun­li­cher Got­te­ser­fah­rungen sta­gnieren. Der große mit­tel­al­ter­liche Mys­tiker Bern­hard von Clair­vaux war gleich­zeitig ein übler Kreuz­zugs­hetzer. Das Buch schil­dert eine Reihe von sol­chen "Schief­lagen".

Zu einer "inte­gralen Spi­ri­tua­lität" (Ken Wilber) gehört, dass die mora­li­sche, die intel­lek­tu­elle, die geist­liche und die emo­tio­nale Linie gleich­zeitig wachsen. Ande­rer­seits sind auf allen Stufen der Ent­wick­lung tiefe und voll­stän­dige reli­giöse und mys­ti­sche Erfah­rungen mög­lich. Sie werden sich aller­dings in der Sprache und den Bil­dern der jewei­ligen Stufe Aus­druck ver­schaffen.

Die Thesen von "Gott 9.0" stießen aller­dings schon vor der Ver­öf­fent­li­chung auf Wider­spruch. Aber bevor solche kri­ti­sche Anfragen Gehör finden - und das sollen sie - muss man zunächst die Grund­ge­danken dieses Ansatzes zur Kenntnis nehmen. Auf Dauer wird man sich einer qua­li­fi­zierten (und nicht nur emo­tio­nalen und abwer­tenden) Dis­kus­sion dieses Ansatzes auch in der Kirche nicht ent­ziehen können. Stu­fen­mo­delle tragen ja tat­säch­lich die Gefahr in sich, dass sie zum geist­li­chen Hochmut derer führen können, die sich "weiter oben" oder "besser" wähnen. Das Auto­ren­team hat alles getan, um dieser Ver­su­chung zu wider­stehen. Das Buch ist frei von Über­heb­lich­keit. Offen bleibt frei­lich die Frage, ob der große Ent­wick­lungs­op­ti­musmus dieses Modells (Unter­titel: "Wohin unsere Gesell­schaft spi­ri­tuell wachsen wird") berech­tigt ist. Eins spricht dafür: Als Christen glauben wir an einen Gott, der will, dass allen Men­schen geholfen wird und der trotz aller Rück­schläge das Heil dieser Welt will und vor­an­treibt, so dass am Ende "alles gut" wird. Das zumin­dest erlaubt eine ins­ge­samt hoff­nungs­frohe Zukunfts­per­spek­tive - trotz allem, was dem zu wider­spre­chen scheint.

Gleich­zeitig bietet das Buch all jenen eine Fülle von Den­k­an­stößen und Ver­ste­hens­hilfen, die sich mit Fragen her­um­schlagen wie: Was hat der Kriegs­gott Jahwe, der befiehlt, die Feinde Israels brutal aus­zu­rotten, mit dem Lie­bes­gott zu tun, den Jesus ver­kün­digt? Wes­halb sagen mir bestimmte reli­giöse Prak­tiken und Vor­stel­lungen nichts mehr, die mich einst erfüllt haben? Bin ich vom Glauben abge­fallen, wenn ich bestimmte Vor­stel­lungen nicht mehr nach­voll­ziehen kann, oder hat sich mein Glaube ver­tieft und erwei­tert?

Erste Rezen­sionen im Inter­net­buch­handel amazon.com sind ermu­ti­gend: "Ein Buch, das mein Leben nach­haltig ver­än­dern wird! Ich habe es ver­schlungen und es hat sich für mich eine neue Welt auf­getan. Es hat eine Mauer bei mir ein­stürzen lassen, die mir eine neue Sicht auf mich und die Welt gibt und schier unend­liche Mög­lich­keiten der per­sön­li­chen Ent­wick­lung." Oder: "Den Autoren gelang es mich mit ihren Gedanken zu unseren Ent­wick­lungs­mög­lich­keiten zu fes­seln, ohne mich durch christ­liche Dog­matik zu ärgern... Plötz­lich habe ich vieles ver­standen. Es steigt ein Bild in mir auf, wie es sein könnte - das hat mir bis­lang gefehlt. Und wenn Gott so gedacht wird, wie hier beschrieben, ja, dann könnte ich mich auch wieder mit Ihm anfreunden." Oder: "Gott scheint durch das gesamte Buch voller far­ben­froher Leucht­kraft hin­durch."

Ein Test gleich zu Beginn des Buchs ermög­licht eine erste Ein­schät­zung, welche der Stufen 2 bis 8 beim Leser und der Leserin beson­ders stark aus­ge­prägt sind und wo Schwer- und Schwach­punkte liegen. Ich per­sön­lich hätte diesen Test lieber am Ende der Lek­türe gemacht. Die Fragen des Tests fand ich zum Teil etwas ver­wir­rend, da sie manchmal zwei Teile haben, die ich per­sön­lich jeweils unter­schied­lich bewerten würde. Das aber tut diesem Buch und seinem enormen Wert keinen Abbruch. Es wartet auf offene Leser und kom­pe­tente Kri­tiker, die sich mit seinen Thesen gründ­lich und dif­fe­ren­ziert aus­ein­ander setzen.

Andreas Ebert

Web­site zum Buch: www.gott­punkt­neun­null.de

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